In der digitalen Welt werden Geschichten erzählt. Von Anfang an. Im Großen und Ganzen haben sich, nach meiner Beobachtung, zwei Grundformen entwickelt: die lineare und die nicht-lineare Erzählweise.
Lineares Erzählen
Die klassische Erzählform, bedingt durch das seit Jahrhunderten benutzte Trägermedium Papier, ist sicher die lineare Erzählweise. Seite für Seite wird der Inhalt dargeboten und auch in dieser Reihenfolge konsumiert. Der Leser ist also gezwungen (im positiven Sinn 😉 ) sich an die Vorgaben des Autors zu halten.
Nicht-lineares Erzählen
Ganz anders bei der Nicht-linearen Erzählweise. Hier kann sich der Leser mehr oder weniger frei durch die Geschichte bewegen und sie nach und nach erforschen. Je nach Konstrukt kann es dabei sein, dass sich erst bei weiteren Durchgängen, durch andere Entscheidungen die gesamte Geschichte erschließt. Dies führt zu einem ganz anderen und sehr individuellem Leseerlebnis.
Nicht-lineares Erzählen ist im Zeitalter der Computer natürlich erst so ein richtiges Thema geworden. Hier ist das Stichwort Hypertext. Per Definition handelt es sich dabei um
Ein über Links verbundenes Netz aus Text-, Bild- und Dateneinheiten, in dem sich die Nutzer je nach Interesse bewegen können.
Es gibt sogar eine eigene Programmiersprache, die das Handling mit diesem Netz aus verbundenen Links ermöglicht: die Hypertext Markup Language oder kurz HTML.
Haben wir alle schon einmal gehört, nicht wahr? 😉
Durch die dort eingesetzten Verlinkungen ist es erst möglich, sich von einer Webseite zur anderen zu bewegen, Bilder aufzurufen, Videos zu starten und sich somit im Netz zu bewegen.
Was liegt also näher, als sich diese Möglichkeiten zu Nutze zu machen und Teile von Geschichten miteinander zu kombinieren? Je nach Gestaltung und Vielzahl dieser Links können nun Erzählstrukturen geschaffen werden, die dem Leser völlige Freiheit in der Reihenfolge des Lesens geben. Ähnlich wie im Internet besteht dabei jedoch die Gefahr, dass sich der Nutzer im Geflecht der Texte und Möglichkeiten verliert. Auch das kennen sicher viele von uns. Man sucht etwas im Netz, klickt auf einen Link, der zu etwas Anderem führt, das wiederum einen interessanten Link aufweist usw. usw. – Plötzlich ist man ganz woanders, als dort, wohin man ursprünglich gelangen wollte.
Die Kunst bei der nicht-linearen Erzählform besteht nun meines Erachtens darin, dem Leser sowohl die größtmögliche Freiheit, als auch eine Struktur mitzugeben. Auf diese Weise kann er sich einerseits „frei“ in den Texten und Inhalten bewegen, gelangt aber dennoch auf mehr oder weniger geraden oder ungeraden Wegen an das Ziel, das Ende, dem Finale, dem Happyend der Erzählung.
Hierin ist auch ein wesentlicher Unterschied im Schreiben solcher Geschichten zu sehen. Der Autor oder die Autorin hat also eine Geschichte im Kopf. Die Hauptfigur kommt in eine Situation und erhält eine Aufgabe. Eine Reise anzutreten, einen Feind besiegen, ein Ziel erreichen. Dabei stößt sie auf Widerstände, die es zu beseitigen, zu umgehen gilt, bis sie endlich an das Ziel gelangt.
Eigentlich eine klassische lineare Geschichte. Ja. Auch. Aber bei der Umsetzung ins Nicht-lineare kommt noch einmal richtig Schwung in die Sache.
Welchen Weg soll die Hauptfigur gehen? Gibt es nur einen Weg aus einer Situation heraus? Gibt es Umwege, die beschritten werden können? Solche Umwege bringen unter Umständen die eigentliche Haupthandlung nicht voran, aber sie können der Figur mehr Tiefe geben oder dem Leser ein weiteres Abenteuer. Führen alle möglichen Handlungsstränge letztendlich zum selben Ziel? Das wäre dann eine Linearität in der Nicht-linearität: Die Hauptfigur geht Umwege, erlebt Gefahren und Abenteuer, gelangt aber letztlich genau dorthin, wo sie der Autor haben will. Andere Möglichkeiten sind ausgeschlossen.
Etwas komplexer ist es, wenn Abzweigungen in der Geschichte tatsächlich zu einem anderem Ausgang des Abenteuers führen. Also fast schon wie im realen Leben: Wenn ich mich dazu entscheide, eine Ausbildung zum Bäcker zu machen wird mein gesamtes Leben sicherlich einen völlig anderen Verlauf nehmen, als wenn ich mich dazu entschließe Banken zu überfallen und Einbrüche zu verüben. Die Hauptfigur, ich, bleibt in allen Handlungsstränge dieselbe, nur die Geschichte nimmt einen völlig anderen Verlauf.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass komplett nicht-lineare Texte zwar ihren Reiz haben können, aber – mich – letztendlich frustrieren. Eben weil man von links nach rechts von oben nach unten springen kann. Ja sicher erschließt sich dadurch auf Dauer auch das Geschehen bzw. der Stoff, der vermittelt werden soll (Beispiel: Wikipedia), aber ich fühle mich dabei immer so mit Informationen zugeschüttet, dass es mich irgendwann einfach nur nervt.
Tapnovels – ein anderer Weg
Mit meinen Tapnovels möchte ich einer, aus meiner Sicht, angenehmeren Mischform aus linearer und nicht-linearer Erzählweise folgen.
In meinen Stories soll in erster Linie eine (hoffentlich interessante) Geschichte erzählt werden. Ob ein Leser aber z.B. auf bestimmte Details eingeht oder nicht, bleibt jedoch ihm oder ihr überlassen. Anstatt zum Beispiel einen Baum innerhalb der Geschichte im Detail zu beschreiben, erzeuge ich einen Hyperlink zu dieser Beschreibung. Wer möchte, kann nun diesem Link folgen und taucht somit tiefer in die Geschichte und deren Atmosphäre ein. Auch wenn die Beschreibung des Baumes selbst keinen Einfluss auf den Ausgang der Tapnovel haben wird.
Manchmal führe ich den Leser auch in Situationen, in der er oder sie eine Entscheidung treffen MUSS. Je nach Wahl nimmt die Geschichte dann tatsächlich einen anderen Verlauf. Das kann – und das ist wiederum abhängig von der Dramaturgie – zu einem anderen Ende führen als die Entscheidung für die zweite Option. Vielleicht ist es aber nur ein „Umweg“ auf dem Weg zum Happy End, der (siehe oben) „nur“ weitere Tiefe in die Story bringt. Andererseits gewinnt der Leser vielleicht aber auch Erkenntnisse, die ihn an einem anderen Entscheidungspunkt dazu veranlassen eine andere Wahl zu treffen, als er sie getroffen hätte, wenn er den „Umweg“ nicht gegangen wäre.
Das Klingt im ersten Moment vielleicht kompliziert. (Wenn ja: bitte den vorigen Absatz noch einmal lesen.)
Auf diese Weise versuche ich einen gewissen „spielerischen Akzent“ und gleichzeitig ein Stück „Freiheit des Lesens“ mit in die Tapnovels zu integrieren. Als Leser kann ich dann die Kerngeschichte schnell und schnörkellos erleben. Oder ich entscheide mich alles zu erkunden, was es zu erkunden gibt. Dann lese ich jede Baumbeschreibung, folge im Zuge weiterer Lesedurchläufe anderen Abzweigungen usw. So lange bis ich die „ganze Geschichte“ kenne.